Sonstiges

Driving home for Christmas (Teil eins)

von Alizée Korte

basierend auf ihrem Debütroman “Dein Weg, meine Liebe”

 

Die Flamme der Kerze knistert, als eine Schneeflocke darauf schmilzt, geht aber nicht aus. Sie flackert nur gerade heftig genug, um Etienne in seiner Gewissheit zu bestätigen, dass er das richtige Geschenk ausgesucht hat. Vorsichtig stellt er die Kerze neben sich auf den Boden und zieht die Laterne aus der Tüte. Mit klammen Fingern streicht er über das gebürstete Aluminium und die dünnen Wände. Dort, wo Schneekristalle und Sterne in das Glas geschliffen sind, fühlt es sich rauer an. Er tastet nach dem winzigen Metallriegel, öffnet das Türchen und stellt die Kerze hinein. Sofort beruhigt sich die Flamme und warmes Licht strahlt durch die Fenster und die sternförmigen Ausstanzungen darüber. Zufrieden beugt er sich vor und stellt die Laterne vor dem Grabstein zwischen die Tannenabdeckung.

»Joyeux Noël, Maman!«, murmelt er, während er die Hände in den Taschen seiner Daunenjacke vergräbt.

Und nun? Winzige Schneeflocken rieseln über die Szenerie. Sie schmelzen zusammen mit der letzte Illusion von weihnachtlicher Stimmung auf dem Boden und Etienne fragt sich, was ihn geritten hat, Heiligabend am Grab seiner Mutter verbringen zu wollen. Im Grunde war es eine eher beschissene Idee. Genauso gut hätte er die alten VHS-Videokassetten mit seinen Wettkampfaufzeichnungen in Glitzerpapier einwickeln und für sich selbst unter seinen nicht vorhandenen Weihnachtsbaum legen können.

Es war nicht mehr wie früher.

Es würde nie wieder wie früher sein und eigentlich kommt er ganz gut damit klar. Dass er seit sechs Jahren Heiligabend an das Grab seiner Mutter kommt, heißt nicht, dass er mit der Realität nach dem Unfall nicht zurechtkommt. Oder? Zumal das Ritual anfangs nicht einmal seins gewesen war. Auch seinen Vater, seine Schwester Marie-Lou und die besten Freundinnen seiner Mutter hatte es in den ersten Jahren Heiligabend an das Grab gezogen. Aber irgendwann hatten sich die Freundinnen ausgeklinkt, weil sie in den Winterurlaub fuhren, und kurz darauf befand Silvia, die neue Freundin seines Vaters, die sich so vollkommen skrupellos in seinem Elternhaus einnistete, dass sie »ihren« Peter Heiligabend lieber in der Küche wusste, als am Grab ihrer Vorgängerin. Irgendwann hatte sogar Marie-Lou angefangen, sich für die Friedhofsbesuche zu entschuldigen, da sie mit Marc erst später aus Paris anreisen wollte. Die unausgesprochene Pflicht, eine Kerze auf Isabelle Jeancours Grab zu hinterlassen, war folglich an ihm hängengeblieben. Es störte ihn nicht. Schließlich hatte er Marie-Lou abends noch gesehen.

Doch dieses Jahr ist alles anders. Sein Vater ist mit Silvia in die Karibik geflogen und Marie-Lou feiert zum ersten Mal Weihnachten mit Marcs Familie in Schweden.

»Ich dachte, du feierst mit Vika«, hatte sie erschrocken ausgerufen, als er sie Anfang Dezember fragte, ob sie sich in Paris oder in Brüssel treffen würden, und wohl im Geiste schon überlegt, wie sie Marc umstimmen könnte.

»Nur für den Fall, dass es doch nicht klappt«, hatte er sich zu versichern beeilt.

Vika feiert bei ihren Eltern. Das ist seit vierundzwanzig Jahren so und er ist der Letzte, der sie davon abhalten würde. Natürlich hat sie ihn eingeladen, nein, bekniet hat sie ihn, mitzukommen, und mit wachsender Wut hatte er sich selbst dabei beobachtet, wie er eine fadenscheinige Begründung nach der anderen lieferte, warum es nicht unmöglich. Spätestens als er behauptete, in der Karateschule zu viel zu tun zu haben, um länger als einen Tag wegbleiben zu können, hatte sie verstanden. Schließlich wusste sie so gut wie er, dass die Karateschule in den Winterferien geschlossen blieb. Toni war nach Kroatien gefahren und wenn Etienne sich in der Zwischenzeit nützlich machen wollte, würde ihm nichts anderes übrig bleiben, als die Tatami-Matten mit dem Pinsel zu entstauben.

Er sollte bei Vika sein.

Das wird ihm immer klarer, je länger er hier sitzt und den Schneeflocken dabei zusieht, wie sie immer dichter fallen und inzwischen tatsächlich auf der Tannenabdeckung und dem Grabstein liegenbleiben. Er sollte sich in Bewegung setzen, bevor seine Zehen so blau werden wie die Gießkanne von Frau Böhler zwei Gräber weiter.

Zugegeben, Vikas Eltern sind nicht die größten Fans ihrer Beziehung. Schwer zu sagen, ob sie sich mehr davor fürchten, dass er abhängig von ihr oder dass sie abhängig von ihm werden könnte.

Vielleicht sollte er es darauf ankommen lassen, dass ein persönliches Kennenlernen sie umstimmt. Nicht Wenige sind schließlich beeindruckt, wenn sie ihn in Fleisch und Blut erleben. Aber Vika legt Wert auf die Meinung ihrer Eltern. Auch wenn sie es nicht immer zugibt. Wenn ihre Eltern zu dem Ergebnis kommen, dass er nicht der richtige Partner für ihre Tochter ist, kann es dann noch eine Zukunft für sie geben? Oder nur noch eine begrenzte Zeit des Protests?

In der Ferne läuten Kirchenglocken zum Kindergottesdienst. Über dem Friedhof dämmert es. Hier und da brennen Grablichter auf den winterfest gemachten Gräbern. Kein lebendiger Mensch ist mehr hier. Etienne zittert vor Kälte.

Er sollte verschwinden. Aber wohin?

»Que ferais-tu?«, fragt er seine Mutter. Was würdest du tun?

Bevor er aus der Bewegung der Flamme im Schutz der Laterne, dem Wind in den kahlen Ästen der Kastanie oder dem Fall der Schneeflocken etwas interpretieren und als Antwort gelten kann, spürt er ein Vibrieren an seiner Brust.

Sein Handy klingelt.

 

~ Fortsetzung am 18.12.2018 ~

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